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Silentium im Küchenschrank

Donnerstag, Juli 23rd, 2009
 
„Müde mich nicht“, sagte das Reibeisen zur Kaffeekanne, die wieder einmal eine lange Geschichte zum Besten zu geben im Begriff stand.

„‘Müden’“, sagte da der große Kochtopf apodiktisch, „ist ein insistives Verb.“

„Ein Isi-Was?“, fragte das Reibeisen.

„Ein insistives Verb“, wiederholte der große Kochtopf herablassend.

„Und was heißt das?“, fragte das Reibeisen.

„Das heißt, dass du nicht sagen kannst ‘Müde mich nicht’“, dozierte der große Kochtopf.

„Warum?“, fragte das Reibeisen.

„Weil ‘müden’ ein insistives Verb ist“, seufzte der große Kochtopf. „Hab ich doch schon gesagt, hörst du eigentlich nie zu?“

„Na du machst mir Spaß“, sagte das Reibeisen. „Red halt nicht so geschwollen, vielleicht versteht dich dann wer. Sie müdet mich eben, und damit basta!“

„Also wirklich,“ begann der große Kochtopf erneut, wußte aber nicht recht weiter.

„Du lieber Himmel“, gähnte das Nudelsieb, „habt ihr keine interessanteren Gesprächsthemen?“

„Kann mir vielleicht mal irgendwer sagen, worum es eigentlich geht?“, fragte der Suppenschöpfer.

„Ist doch egal“, sagte die Kaffeekanne. „Also, was ich sagen wollte …“

„Silentium!“, unterbrach der Fleischtopf und klapperte energisch mit dem Deckel. „Hier wurde soeben eine Problematik von emanenter Bedeutung angesprochen, über die wir nicht so nolens volens hinwegsehen können. Die Fragestellung, die der liebe Kollege Suppenschöpfer auf den Plan geworfen hat, erheischt, expressis verbis betrachtet, einer sachkompetenten Beantwortung, welcher ich mich in aller gebotenen Kürze nicht zu unterwinden anstehen werde. Ex propter hoc mögen wir dann ad limina hinwiederum auf minder wichtige Thematiken zurückrekurrieren, womit ich freilich – horribile dictum – in keinster Weise der geschätzten Frau Kollegin Kaffeekanne auch nur die geringste Inkontinenz absprechen will. Demungeachtet sei es mir jedoch an dieser Stelle verstattet, auf die unschätzbare Eminenz des von unserem hochgeachteten Herrn Kollegen, dem großen Kochtopf, Angesprochenen hinzuweisen. Denn was, sehr verehrte Damen und Herren, will er uns hiedurch mitteilen? Welch tiefe Weisheit verbirgt sich hinter diesen in seiner allseitig bekannten charakterlichen Bescheidenheit so unpräventiv hingeworfenen Ausführungen? Mit anderen Worten, um es ominös zu formulieren, welche genuinen Lehren können wir aus seinen endemischen Betrachtungen ziehen?“

Hier machte der Fleischtopf eine Kunstpause.

„Ja, das möcht ich auch gern wissen“, kicherte eine der Kaffeetassen.

„Was sollen wir wo reinleeren?“, erkundigte sich die zweite, am Rande interessiert.

„Und noch dazu im Genuitiv!“, ergänzte der Kuchenteller, der zuoberst auf dem Stapel stand.

„In des Genuitivs“, korrigierte sein Unterwohner.

„Silentium!“, wiederholte der Fleischtopf, ungehalten über diese wahrhaft inkompetente Unterbrechung seiner gelehrten Ausführungen. „Um es kurz zu sagen, verehrte Damen und Herren …“

„Hört, hört!“ Der Einwurf kam, so schien es, von der obersten Untertasse.

Unbeirrt fuhr der Fleischtopf fort: „Wie gesagt, um es in wenigen klaren und unmißverständlichen Wörtern auszudrücken: Wir befinden uns hier und heute in einer Situation, in der es von infinitiv imminenter Prävalenz ist, gewisse wörtliche – um nicht zu sagen, verbale – Problematiken adstringent zu lösen oder, konvektiver formuliert, zu deren faktizitätischer Entproblematisierung zu gelangen. Die Frage, um die es sich nun gewissermaßen sui genere handelt, ist offenkundig die, ob und inwiefern …“

Leises, allmählich anschwellendes Gemurmel ließ den Redner einen Augenblick innehalten, jedoch überzeugte er sich rasch genug davon, dass es sich hierbei lediglich um eine Form von – wenngleich an dieser Stelle nicht unbedingt angebrachten – Beifall handle.

Mit leicht erhobener Stimme fuhr er fort: „… ob und inwiefern, sage ich, der Satz ‘Müde mich nicht’ als grammatikalisch korrekt, restriktive als falsch zu betrachten sei. Nun hat der Herr Kollege – ich verwarne Sie, Kollegin Kaffeetasse, wenn Sie noch einmal meinen Vortrag stören, werde ich Sie Ihrer Schranken verweisen! – also, wie bereits angedeutet, der schätzenswerte Herr Kollege Großer Kochtopf hat in unnachahmlicher Weise auf die Feinheiten der Sprache verwiesen, indem er verdeutlichte, dass, und man kann es nicht oft genug betonen – Sie da hinten, verlassen Sie augenblicklich meinen Schrank! –, dass (verzeihen Sie die Unterbrechung) der Gebrauch des insistiven Verbs, und ich spreche jetzt gar nicht von seiner Benützung, dass also, wie gesagt, der Gebrauch des insistiven Verbs, im Gegenteil von, wie ich hinzufügen möchte, dem transistiven Verb, welches exzessiv auf zur Gänze vollkommen anderen Voraussetzungen beruht, die gleichzeitige Implementierung eines akkusatorischen Objektivs im selbgenannten Satz nicht nur nicht erforderlich macht, sondern im Gegensatz geradehin verunmöglicht.
Mit anderen Wörtern: Falls und insofern der Terminus ‘Müden’ also in medias res ein rein insistives Verb darstellt, oder darstellen zu sollen vermöge, was, wie wir noch zeigen werden, keinesfalls semper et ubique oder, besser gesagt, in dubio pro reo als erwiesen erachtet werden muss oder vielmehr kann, so nehmen wir fernerhin an, dass es Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren, mit enormer Wahrscheinlichkeit vermutlich nicht entgangen sein wird, dass unser allseitig geschätztes Reibeisen in dem Satz ‘Müde mich nicht’, bei welchem es sich beiläufigerweise, wenngleich selbiges Ihrer erwähnten geschätzten Aufmerksamkeit allenfalls etwa entwichen sein möchte, um eine Negativität handelt, und in welchem dasselbe selbst, durch eine Pränominalkonstruktion insinuiert, stellvertretend in Form eines Akkusativobjektivums immanent innewohnt, zu unserem nicht ungeringen Bedauern keinen wie auch immer gearteten lokativen Platz einnimmt, und sollte sich selbes daher schleunigst von daselbst hinausentfernen. Jedoch …“

„He!“, unterbrach an dieser Stelle das allseitig geschätzte Reibeisen, das bei der Erwähnung seines Namens aus seinem vorübergehend und nahezu unvermeidlich durch die Ausführungen des Fleischtopfes hervorgerufenen Tiefschlaf erwacht war. „Ich lass mich doch nicht einfach rausschmeißen, bloß weil ich gesagt habe, dass mich die Kaffekanne müdet! Soll sie doch gehen!“

„Reg dich nicht künstlich auf, ist ja gut“, sagte die Kaffekanne. „Ich trag dir doch eh nichts nach. Aber soll ich dir sagen, was mich müdet? Ich meine, wirklich müdet? Also ehrlich: Leute, die einem stundenlang …“

„Silentium!“, rief der Fleischtopf zum dritten Mal. „Wenn Sie mich doch nicht fortwährend unterbrechen wollten! Wo waren wir stehengeblieben?“

 


Ergänzung (27.7.09):
Lothar Thiel hat den Text eingelesen und auf seinem Podcast veröffentlicht:

» Silentium im Küchenschrank - gelesen von Lothar Thiel

Danke, Lothar!

Eine Protagonistin verweigert die Mitarbeit

Donnerstag, Juli 9th, 2009

„Ich kann nicht“, sagte sie.
„Was kannst du nicht?“ Ich war irritiert.
„Die Hauptrolle in deiner Geschichte spielen.“
„Häh? Wie meinst du das? Ich hab dich schließlich erfunden, also …“
„Ja, schon, aber du hast mich falsch erfunden. Verstehst du nicht? Ich bin keine, die eine Hauptrolle spielt. Gib mir eine Nebenrolle, dann bin ich’s zufrieden.“
„Das geht nicht. Wer soll denn dann die Hauptrolle übernehmen?“
„Das musst du schon selber wissen. Schließlich bist du der Autor.“
„Autorin, bitte schön. Verdammt noch mal, so kommen wir nicht weiter. Also was jetzt: Spielst du mit oder nicht?“
„Nur, wenn ich nicht die Hauptrolle spielen muss. Das liegt mir nicht.“
„Das heißt also: Nein.“ Ich seufzte. „Mist. Nun muss ich also alles umschreiben.“
„Na klar. Und zwar schreibst du meine Rolle bitte so: Eine zurückhaltende, schüchterne Einzelgängerin, die –“
„Hey! Jetzt halt aber mal die Luft an! Wer ist hier die Autorin: Du oder ich?“
„Na du doch. Aber wenn du nicht ordentlich spurst, muss dir ja einer sagen, wo’s lang geht.“
„Vergiss es. Du bist draußen.“
„Moment mal! Eine Nebenrolle will ich aber schon! Das steht mir zu, schließlich bin ich wichtig für deine Geschichte!“
„Nichts da. Ganz oder gar nicht.“
„Aber …“
„Schreib dich gefälligst selber!“ Wütend schloss ich das Schreibprogramm.

Ich fühlte, wie mich ihre Augen hinter geschlossenen Dateifenstern hervor anstarrten.
Schließlich tat ich, was getan werden musste.