Eine Protagonistin verweigert die Mitarbeit

„Ich kann nicht“, sagte sie.
„Was kannst du nicht?“ Ich war irritiert.
„Die Hauptrolle in deiner Geschichte spielen.“
„Häh? Wie meinst du das? Ich hab dich schließlich erfunden, also …“
„Ja, schon, aber du hast mich falsch erfunden. Verstehst du nicht? Ich bin keine, die eine Hauptrolle spielt. Gib mir eine Nebenrolle, dann bin ich’s zufrieden.“
„Das geht nicht. Wer soll denn dann die Hauptrolle übernehmen?“
„Das musst du schon selber wissen. Schließlich bist du der Autor.“
„Autorin, bitte schön. Verdammt noch mal, so kommen wir nicht weiter. Also was jetzt: Spielst du mit oder nicht?“
„Nur, wenn ich nicht die Hauptrolle spielen muss. Das liegt mir nicht.“
„Das heißt also: Nein.“ Ich seufzte. „Mist. Nun muss ich also alles umschreiben.“
„Na klar. Und zwar schreibst du meine Rolle bitte so: Eine zurückhaltende, schüchterne Einzelgängerin, die –“
„Hey! Jetzt halt aber mal die Luft an! Wer ist hier die Autorin: Du oder ich?“
„Na du doch. Aber wenn du nicht ordentlich spurst, muss dir ja einer sagen, wo’s lang geht.“
„Vergiss es. Du bist draußen.“
„Moment mal! Eine Nebenrolle will ich aber schon! Das steht mir zu, schließlich bin ich wichtig für deine Geschichte!“
„Nichts da. Ganz oder gar nicht.“
„Aber …“
„Schreib dich gefälligst selber!“ Wütend schloss ich das Schreibprogramm.

Ich fühlte, wie mich ihre Augen hinter geschlossenen Dateifenstern hervor anstarrten.
Schließlich tat ich, was getan werden musste.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.